Norddeich + Omas Teich – Zwischen Wattenmeer und noch mehr Watt

25.07.2009 | thoughts | Kein Kommentar

Vielleicht ist es nicht ganz normal, dass ich als Urlaub mit meiner Freundin einen Tag an der Nordsee campe, um dann auf dem Rückweg ein Festival mitzunehmen, bei dem wir im Auto schlafen. Klar, es widerspricht der Auffassung vieler, die dann kurzerhand nach Mallorca oder Teneriffa fliegen und sich die Sonne auf die Pocke scheinen lassen. Aber eines ist uns nach dieser Reise nicht mehr zu nehmen: Die Erinnerung an den wohl aufregendsten Urlaub, den ich je verbracht habe.

Tag 1: Bad Bentheim – Remels – Schortens – Harlesiel – Norddeich

Pünktlich um halb 9 haben wir es geschafft auf die Autobahn zu fahren und auf der monotonen Strecke von Schüttorf bis nach Leer über die Platte zu jagen (na gut, wir sind eher gemächlich gefahren). Eigentlich blieb diese Strecke auch sehr langweilig und eher anstrengend, wäre da nicht der brennende Tanklaster an auf dem Seitenstreifen gewesen, an dem wir vorbei gefahren sind. Ein Tanklaster. In Brand! Unglaublich gefährlich, aber eben das aufregendste, dass wir bis dato erleben durften.

In Remels angekommen dann die zwei Tickets für das Omas Teich-Festival bei der etwas wortkargen Friesin gekauft und weiter gefahren nach Schortens, meinem Freund Oliver seine Socken wiederbringen, damit er diese auch mit nach Australien nehmen kann (Auslandssemester).

Dann Fahrerwechsel, Zwischenstop in Harlesiel (Fischbrötchen) und trotz anderer Empfehlung weiter nach Norddeich. Wetter zu diesem Zeitpunkt: ein Wechsel aus leichtem Regen und starker Sonne.

Sowieso: für den gesamten Aufenthalt in Norddeich verhielt es sich immer so, dass es regnete, sobald wir im Auto saßen und die Sonne schien, als wir draußen saßen.

Tag 1: die Sache mit dem Zelt

Der Vorteil eines 1-Personen-Wurfzeltes ist der schnelle Aufbau. Der Nachteil, wenn man mit zwei Personen verreist: Enge. Nicht selten wurden wir auf dem Campingplatz für unser kleines zu Hause belächelt, dessen Garten eine Picknickdecke und dessen Zaun unser Auto war. Wie gesagt: nicht jedermanns Sache, aber wir fanden es unheimlich gemütlich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Norddeich war echt schön. Wir haben ca. 2 Stunden an einem Steindamm im Watt gesessen bei einer Flasche Wein und zugesehen, wie die Sonne hinter Juist unterging, danach dann noch eine Weile am Deich gesessen und Seeluft geschnuppert und schließlich am Ende der Weinflasche dann unser 2,10m x 1,00m zu Hause heimgesucht.

Tag 2: Zu viel Wasser. In allen Belangen.

Eigentlich stand für unsern Norddeich-Vormittag auf dem Plan, eine schöne Wattwanderung zu machen. Leider konnten wir nicht sonderlich weit hinein, da das Wasser doch schon schneller die Küste erreichte, als ich mir anhand des Tideplans ausgerechnet hatte. Aber dennoch: ein lustiger Vormittag im Watt mit einer schönen Schlammpackung und sowieso jeder Menge Freude (noch bei Sonnenschein).

Gegen 11.30 Uhr schlug dann das Wetter um. Dunkle Wolken zogen auf und der Wind wurde stärker. Wir traten die Flucht zum Auto an und machten uns auf den Weg nach Großefehn. Kleiner Zwischenstop in Aurich (Mittagessen) und dann weiter auf der Landstraße auf dem Weg, den uns das Navi anzeigte (Eigentlich ja eine sinnvolle Sache, wäre da nicht das Problem, dass unser Zigarettenanzünder plötzlich nicht mehr funktionierte und wir für die letzten 15km auf uns bzw. die Beschilderung durch den Veranstalter angewiesen waren, die es nicht gab. Gefunden haben wir es jedenfalls, aber wegen des starken Regens gar kein Zelt mehr aufgebaut, sondern uns entschlossen, die Nacht im Auto zu verbringen, was sich (heute, da ich das Zelt meines Bruders sehe) als äußerst intelligent herausstellte.

Bereits als wir zur Bändchenausgabe gelaufen sind, war uns klar, was uns (ausgestattet mit Chucks bzw. Lederstiefeln) erwartete: noch mehr Watt.

OmasTeich Einsinken

Die Wege auf dem Campingplatz waren aus einer derartigen Wasser-/Feldboden-”Legierung”, bei der Wasser den etwas größeren Anteil besaß. Die Zeltflächen waren anfangs noch nicht ganz liquide, später aber von ähnlicher Qualität wie der Weg. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen war die Stimmung doch sehr gut. Tiefpunkte waren die ewigen Weltuntergangsschauer, Höhepunkte auf dem Campingplatz der darauffolgende, knallende ostfriesische Sonnenschein.

Tag 2: Cold Wet Blood Red Shoes

OmasTeich FüßeDieses Bild ist bei BLOOD RED SHOES vor der Bühne entstanden zu einem Zeitpunkt, als die Sonne scheinte und der Boden schon wieder etwas trockener war (zumindest an der Oberfläche). Am Ende des Abends war auch dieser nur noch eine Modderwiese. Blood Red Shoes war meine absolutes Favorite-Konzert am Freitag. Die zwei Briten haben es geschafft das Publikum auf Anhieb mit ihrem treibenden Drum- und Gitarrenspiel mitzureißen und zum tanzen zu bringen. Auch der Mix aus alten, bekannten und neuen großteils unbekannten Songs war sehr gut gewählt und ich habe den Eindruck, dass man sich auf ein kommendes Zweitwerk der beiden freuen kann, da sie zwar ihrem Stil treu bleiben, sich dennoch aber teilweise neu erfinden. Bleibt abzuwarten, wann sich dahingehend etwas tut.

Ein Wehmutstropfen zumindest für mich war bei diesem Konzert die einsetzten den “Seven Nation Army”-DöpDöp-WM schreie des Großteils friesisch-emsländischen Publikums, was auch Sängerin Laura-Mary Carter scheinbar gegen den Strich ging und welches sie mit einem wirksamen: “That sucks!” abtat und beendete. Das ist etwas, dass einfach nicht in meinen Kopf will. Da macht jemand aus einem erfolgreichen Rocksong eine Partyversion, die zum mitgröhlen einlädt, wenn man besoffen Fangesänge anstimmen will, was ja im Fußballstadion völlig legitim ist. Leider findet man diese Art der Gesänge nun auch immer öfter auf Konzerten, was gerade nicht-deutschen Acts immer wieder etwas unsinnig scheint (zurecht) und diese verwirrt.

Die sonstigen Bands des Tages fand ich eher durchschnittlich: Baddies waren für mich eine absolut unverständliche Band, deren Musik mir irgendwie einfach nicht zusagte und deren Bühnenshow sich in Grenzen hielt, ClickClickDecker war aus der Ferne ganz oke, werde ich mir dann beim Apple Tree Garden nochmal genauer ansehen, Muff Potter fand ich auf kleiner Bühne in Osnabrück entschieden besser und Turbonegro war wie zu erwarten gut, aber auch irgendwie nicht besonders. Egotronic habe ich dann aufgrund völliger Erschöpfung nur aus der Ferne mitbekommen. Habe mir sagen lassen, wäre gut gewesen, den Eindruck hatte ich, als ich sie live gesehen habe auch gehabt, war dort allerdings auch mitten im Getummel.

Tag 3: Genau die richtige Abfahrt

Die Samstagsbands sind für uns dann ausgefallen, da wir einfach völlig falsch ausgestattet vom Urlaub ins Festival gefahren sind, alles nass und verdreckt war, die Motivation am Ende und die uns prophezeite Unwetterwarnung zu viele negative Erinnerungen ans Hurricane 2006 hervorgerufen haben, dass wir es den ca. 50% der Festivalbesucher gleich getan haben und uns vom ungesprächigen Jungbauern mit dem Werderbremen Pullover mit Trecker vom Parkplatz haben ziehen lassen und dann vorzeitig die Heimreise angetreten haben (die für mich interessanten Bands hatte ich ohnehin alle schon einmal irgendwo mit dem aktuellen Set live zu Gesicht bekommen).

Eigentlich sah der Plan auch anders aus: wir wollten nach Leer fahren und dort etwas Zeit totschlagen (um 18 Uhr wäre das Programm erst wieder interessant geworden), als dann aber wieder Weltuntergangswetter anfing und wir das Autobahnschild mit Fahrtrichtung Oberhausen gesehen haben, sind wir kurzerhand auf die Bahn gefahren.

Omas Teich 2009: Eastfrisian Style scheinbar nicht mein Ding

Für mich hat das Omas Teich-Festival 2009 ein paar verschiedene Ergebnisse geliefert.

  1. Ich finde, dass die auf den Bannern beworbene “Wertarbeit” sich in gewisser Weise zwar widergespiegelt hat (Technik, Bandauswahl, Bereitstellung von Park- und Campingplätzen), aber nach Einzug des Schmuddelwetters ähnlich schnell wie ein Teil der Besucher verabschiedet hat. Das Wetter war vorhersehbar, dennoch wurde vor der Bühne und an Ballungsstellen (Ein- und Ausgänge) nichts unternommen, um den Boden auf die Menschenmassen vorzubereiten. Da hätte ich mir persönlich mehr erwartet (zumal ich z.B. vom Haldern Pop besseres gewohnt war). Dass die Park- und Campingplätze absaufen und die Autos von den Landwirten herausgezogen werden finde ich garnicht schlimm. Aber Festivalgelände und Eingänge sollte man sich schon ein paar mehr Gedanken machen, da es absehbar ist, dass sich hier die Menschenmassen tummeln.
  2. Die Bandauswahl finde ich zu dem Preis echt gelungen. Lob an die Veranstalter. Das Festival war nicht nur nominell gut besetzt, sondern auch in sich recht stimmig.
  3. Securities kamen mir z.T. etwas unprofessionell vor. So wurde die Tasche meiner Freundin von der Securitydame ohne Handschuhe durchsucht. Eine Sache, die uns nicht stört, aber für sie ein enormes Risiko birgt (Stichwort Spritzen oder andere spitze Gegenstände).
  4. Den “Eastfrisian Festivalstyle” habe ich leider auch nicht entdeckt, es sei denn das Wetter war einer seiner Indikatoren. Ich hatte mich eingestellt auf ein Festival, dass auch den Charme von Omas Teich bietet (gemütlich, häuslich), aber leider einen Abklatsch der großen deutschen Festivals mit verkleinertem Gelände und einem nominell natürlich schwächeren Lineup erlebt. Da finde ich sind andere Festivals in ähnlicher Größenordnung weiter.

Um das ganze abzurunden: Omas Teich 2009 war ein für mich aufregendes Festival. Blood Red Shoes waren super, das Wetter schlecht. Das Festival an sich steht irgendwo zwischen dem eigenen Anspruch, professionell aber gemütlich zu sein und mein Eindruck war, dass es nicht wirklich gelungen ist, diesem Anspruch auf der ganzen Linie gerecht zu werden. Das Festival hat Spaß gemacht, ich würde aber nicht sofort sagen, dass ich 2010 wieder dabei bin.

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