Der Fall Deisler. Oder wie das Monster Profifußball einen Menschen verschlingt

08.10.2009 | thoughts | Kein Kommentar

Vor einigen Tagen habe ich dieses Zeit-Interview mit Sebastian Deisler gelesen, der sich erstmals seit seiner Rücktrittspressekonferenz wieder  der Öffentlichkeit präsentierte. Eigentlich interessierte mich Deisler damals nicht. Klar, er hat durch seine Spielweise beeindruckt und ich vermute jeder damals zehn-jährige wäre gern wie er. Wäre ich zu der Zeit zehn Jahre alt gewesen, wäre Deisler vielleicht auch mein Idol gewesen.

Klar, ich habe damals mitbekommen, dass eines der größten Talente des deutschen Fußballs erstens gehypet wurde und zweitens ständig wegen diverser Verletzungen die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Dass er dann auch im Kopfe daran zerbrochen ist, bekamm ich auch mit. Dennoch konnte ich den Rummel, der je um ihn gemacht wurde nicht nachvollziehen und er war daher für mich irgendwie uninteressant.

Vielleicht ist es genau deswegen, dass ich beim Lesen des Interviews ein paar mal schlucken musste. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der in die große Welt ging, um Fußballprofi zu werden, klang anfangs sehr märchenhaft, als es aber dann an die wichtigen Jahre seiner Karriere ging (ab dem Wechsel zu Hertha BSC), spürte man, dass es mehr ist als nur eine Story über Fußball. Es ist die traurige Geschichte davon, wie aus einer Sportart ein Entertainmentzweig wird, der über Leichen geht.

Noch vor Kurzem habe ich mich mit einigen Leuten über die enormen Fußballergehälter und Transfersummen, Werbeverträge etc. unterhalten und diese Entwicklung im Profifußball scharf kritisiert. Das Beispiel Deisler hat sich uns zu dem Zeitpunkt allerdings nicht aufgedrängt.

Als ich dann gestern den im Interview angekündigten letzten öffentlichen Auftritt Sebastian Deislers bei Günther Jauch sah, merkte man recht schnell, dass die Worte aus dem Interview für wahr genommen werden können. Der Deisler, den wir gestern gesehen haben, war nicht der “Basti Fantasti”, den wir aus seiner großen Zeit kannten. Er war auch nicht der Sebastian Deisler, der vor rund drei Jahren seinen Rücktritt erklärte. Es war ein Sebastian Deisler, sichtlich erholt auf der einen, aber dennoch mächtig angeschlagen auf der anderen Seite war und diesen letzten Auftritt gefasst, aber auch gebrochen bestritt.

Das was Sebastian Deisler da im großen passiert ist, sollte den Managern, Trainern und allen Verantwortlichen als negatives Beispiel dienen. Ein Fußballtalent bleibt eben doch ein Mensch und kein Computer, der auf Tastendruck ausführt, was der Nutzer möchte. Und ebenso kann ein Mensch daran zerbrechen.

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